Die Exzellenzstrategie - ein zweischneidiges Schwert

Eine Woche ist vergangen, die Freudentränen trocknen langsam, nun werden Pläne geschmiedet, was noch alles geht: gemeint ist natürlich der überragende Erfolg der Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn​ bei der diesjährigen Exzellenzstrategie. Sechs der sieben eingereichten Anträge wurden für exzellent befunden, das ist eine Spitzenleistung aller beteiligten Wissenschaftler*innen und Mitarbeiter*innen und eine tolle Auszeichnung für die Universität insgesamt. Kein Wunder, dass man nun offiziell von der Auszeichnung als "Exzellenzuniversität" träumen darf, über die im nächsten Juli entschieden wird.

Was ist nun das Manko an diesem Rummel, der Bonn und auch die anderen ausgezeichneten Universitäten international sichtbar macht und die herausragende Leistungen ihrer Mitarbeitenden belohnt?


Erstens: Es dreht sich wieder einmal alles um die Forschung.
Laut Ausschreibung "wird die im Rahmen der Exzellenzinitiative erfolgreich initiierte Weiterentwicklung und Stärkung der deutschen Universitäten durch die Förderung wissenschaftlicher Spitzenleistungen, Profilbildung und Kooperationen im Wissenschaftssystem [mit der Exzellenzstrategie] fortgeführt."[1] Bereits besagte Exzellenzinitiative, die bis zum letzten Jahr lief, ließ die Lehre komplett außen vor. Insgesamt sind sämtliche "wesentlichen Leistungskriterien", die auch die Uni Bonn auf sehr guten Plätzen erfassen, rein forschungsorientiert: "darunter die Drittmitteleinwerbung, der Output von Publikationen und ihre wissenschaftlicher Einfluss, die Auszeichnungen für einzelne Wissenschaftler und die Erfolge bei der Einwerbung von Verbundforschungsprojekten."[2]

Das Wort Universität kommt nicht von ungefähr vom lateinischen "universitas magistrorum et scholarium", der "Gemeinschaft der Lehrenden und der Lernenden". Die Lehre ist ein integraler Bestandteil des universitären Lebens - sie wird nur kaum als solche anerkannt und darf oft eher nebenbei laufen. Wer kennt nicht den Professor, der auf seinem Fachgebiet international renommiert ist und in dessen Vorlesung man nach drei Minuten eingeschlafen ist? Wer kennt nicht die Dozentin, deren sicherlich sehr klugen Ausführungen man kaum folgen kann, weil es bisher völlig unnötig erschien, sich mal didaktisch fortzubilden? Natürlich gibt es auch die anderen Lehrenden, die sich sehr viel Mühe geben, ihr Fach sinnvoll zu vermitteln; die Nominierten des Lehrpreises sind dafür nur einzelne Beispiele. Dennoch wird die Lehre insgesamt zu wenig anerkannt und die Verringerung der Semesterwochenstunden gilt entsprechend als Belohnung.

Zweitens: Die Exzellenzstrategie verstetigt Missverhältnisse.
Gut abgeschnitten haben vor allem die Universitäten, die bereits in den vorigen Förderrunden vorne mit dabei waren - sie hatten immerhin deutlich bessere Bedingungen durch ihre vorherigen Erfolge. So werden nun einige Hochschulen doch quasi "dauerhaft" gefördert, während andere komplett leer ausgehen und zur zweiten oder dritten Wahl werden.

Die Notstände im universitären Bildungssystem liegen denn auch insgesamt weniger in der Forschung (höchstens im internationalen Vergleich) als in den lokalen Gegebenheiten. Immer mal regnet es irgendwo rein, fällt der Putz von Decke und Fassade oder schlägt man sich mit Asbest, PCB oder gleich beidem herum[3]. Hinzu kommen Brandschutzvorschriften, denen nicht mehr genüge getan werden kann, sodass größere Hörsäle nicht gleichzeitig genutzt werden können oder ganze Etagen leerstehen. Der Grund ist recht einfach: die notwendigen Sanierungen sind unglaublich teuer, unglaublich nötig und unglaublich unsexy. Wer möchte sich schon mit bleihaltigen Rohren oder nicht tragfähigen Bibliotheksböden herumschlagen, wenn man mit einer Fields-Medaille werben kann?[4] Der Bund zahlt seit 2006 nichts mehr dazu, es gibt nur immer mal wieder ein bisschen Geld über Hochschulpakte oder eben Drittmittel.

Ein Missverhältnis liegt auch in der unterschiedlichen Gewichtung von Natur- und Geisteswissenschaften. Das schlechte Image der "brotlosen Kunst" spiegelt sich auch in den Förderzahlen wieder; natürlich brauchen Geräte etc. auch mehr Geld, wenn die Einwerbung dieses Geldes aber ausschlaggebend für diverse Rankings ist, tragen die Geisteswissenschaften wenig dazu bei, verlieren auch intern noch mehr Standing und laufen nur noch nebenher, im Zweifel als kaputtgesparte "kleine Fächer". Das Ranking, die Höhe der eingeworbenen Drittmittel oder der Status einer Exzellenzuniversität sind dabei allerdings "völlig nichtssagend im Hinblick auf wissenschaftliche Leistungen. Die Platzierung in einer Tabelle sagt weder etwas über die Qualität noch die gesellschaftliche Relevanz der jeweiligen Forschungsleistungen aus. Vor allem zeigt dies nur, wieweit die Wettbewerbsideologie bereits in die Köpfe der Verantwortlichen vorgedrungen ist."[5]

Was kann sich also ändern? Wir schließen uns der Forderung des freier zusammenschluss von studentInnenschaften (fzs), unseres Dachverbandes, an: "Wir fordern deshalb, dass nicht einzelnen Leuchttürmen das Geld hinterhergeworfen wird, sondern dass die Finanzierung der Hochschulen flächendeckend und fachübergreifend gesichert ist und für alle Standorte gute Forschung und ein gutes Studium ermöglicht werden."[6]

Von einer gut ausgestatteten Uni haben alle etwas: die Forschenden, die optimale Arbeitsbedingungen vorfinden, die Studierenden, die ein sowohl inhaltlich als auch didaktisch hochwertiges Studium verfolgen können, die Mitarbeiter*innen, die mit ordentlichen Verträgen und Arbeitsbedingungen rechnen können, die Stadt, die sich mit einer wahrhaft exzellenten Universität schmücken kann. Träume von Barrierefreiheit, von ausreichenden Sprachkursen, von gut ausgestatteten Bibliotheken und mitreißenden Seminaren, von Laboren und Geräten mit der neuesten Ausstattung und einem gesellschaftlichen Bewusstsein für den tatsächlichen Wert einer exzellenten Bildung brechen sich dann Bahn, wenn das System nicht mehr reinen Wettbewerb, sondern wirklich umfassende Wissenschaft schätzt - und auch finanziert.


[1] http://www.dfg.de/foerderung/exzellenzstrategie/index.html

[2] https://www.uni-bonn.de/die-universitaet/ueber-die-universitaet

[3] https://www.deutschlandfunk.de/hochschul-sanierung-die-uni-als-dauerbaustelle.680.de.html?dram:article_id=414732

[4] https://www.zeit.de/2018/07/hochschulbau-einsturzgefahr-gruende

[5] https://www.bdwi.de/forum/archiv/archiv/8853595.html

[6] https://www.fzs.de/2018/09/28/grundfinanzierung-statt-leuchtturmprojekte-fzs-kritisiert-exzellenzstrategie-und-vergabepraxis/