Offener Brief an Bundesinnenminister Seehofer

Anlässlich der letzten öffentlichen Äußerungen von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU), die "Migrationsfrage" sei "die Mutter aller Probleme", haben unsere Vorsitzenden Sarah Mohamed und Rebekka Atakan einen sehr persönlichen Offenen Brief verfasst.


Sehr geehrter Herr Innenminister Horst Seehofer,

mit Bestürzung und Unverständnis haben wir Ihre jüngsten Äußerungen zur aktuellen Situation und ihrer vermeintlichen Ursache gelesen. Sie bezeichnen „die Migrationsfrage als Mutter aller politischen Probleme in Deutschland“. Natürlich ist „die Migrationsfrage“ nicht gleich „die Migranten“; im Kontext Ihrer bisherigen Äußerungen über Geflüchtete und Ihrer Partei- und Regierungspolitik wird dies allerdings doch genauso gelesen. Auch die Beschränkung sämtlicher deutscher Probleme (und ihrer Ursachen) auf „die Migrationsfrage“ mutet seltsam einseitig und geschichtsvergessen an. Nun fragen wir uns, als junge Frauen mit Migrationshintergrund, wieso wir eben diese deutschen politischen Probleme mitverursacht haben sollen.

Was haben wir mit dem Pflegekräftemangel zu tun? Wieso sind wir schuld an sinkenden Renten? Welchen Beitrag haben wir zur Kinderarmut in Deutschland geleistet? Warum sind wir für steigende Mieten in Großstädten verantwortlich?

Denn das sind doch Beispiele für die großen Probleme unseres Landes. Wenn Sie aber über die Sorgen der deutschen Bürger (und Bürger*innen) sprechen, die man ja ernst nehmen müsse, haben wir das Gefühl, dass Sie uns nicht als Teil der deutschen Gesellschaft betrachten – dass Sie, wie es der SPD-Bundestagsabgeordnete Dr. Karamba Diaby sagte, kein Innenminister aller Menschen in Deutschland sein können.

Wie viele andere Migrant*innenkinder und Migrant*innen engagieren wir uns politisch, sozial, kulturell und gestalten so unsere Gesellschaft und Zukunft mit. Wir wollen verbinden, nicht spalten und aufhetzen. Gegen diese gegenwärtigen Tendenzen wehren wir uns entschieden.

Als Vertreterinnen der Studierendenschaft erleben wir täglich, wie bereichernd Vielfalt für unser Universitätsleben ist. Wir erleben aber leider auch, wie Menschen mit Migrationshintergrund jeden Tag wieder diskriminiert werden, dass Rassismus absolut salonfähig ist – auch in durchweg akademischen Kreisen – und dass auch an den Universitäten rechte Strömungen aktiv sind und sich an der Hetze gegen Menschen, die nicht hier geboren wurden, deren Eltern aus einem anderen Land nach Deutschland gekommen sind oder die dem „deutschen Normbild“ nicht entsprechen, engagiert beteiligen. Deswegen sind wir so enttäuscht und schockiert, dass Sie, als Mitglied unserer Regierung, diese rechte Stimmung weiter anheizen, Sie ja sogar Ihre Solidarität mit den rechten Demonstrant*innen bekunden (ausgenommen sind nur die „Radikalen“). Und letztlich uns selbst die Schuld an rassistischen Ausschreitungen geben.

Vielleicht können Sie nicht nachvollziehen, welchen Schwierigkeiten Menschen wie wir im Alltag begegnen. Das geht über fragwürdige Äußerungen über offene Ablehnung und Beschimpfung bis hin zu mehr oder weniger großen Schwierigkeiten bei der Job- und Wohnungssuche. Dies belastet uns sowohl persönlich als auch in unserem Engagement. Wenn Sie als Bundesminister uns dann wieder und wieder in den Rücken fallen, uns selbst die Schuld geben an Ausschreitungen wie in Chemnitz, fühlen wir uns tatsächlich nicht mehr als Teil der Gesellschaft.

Wir appellieren an Sie, von populistischen Äußerungen, die unsere Gesellschaft weiter spalten und Menschen aus dieser Gesellschaft ausschließen, trotz Wahlkampf in Bayern abzusehen und sich als Innenminister der wirklichen Probleme in Deutschland anzunehmen.

Mit freundlichen Grüßen

Sarah Mohamed, AStA-Vorsitzende der Universität Bonn

Rebekka Atakan, stellvertretende AStA-Vorsitzende der Universität Bonn